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Aus für Schafzucht?

Die Kehrseite des Booms: Biogas vs. Weidefläche

Seit ein paar Jahren werden die Weideflächen auch durch den Biogas-Boom immer knapper, denn Grünland wird zunehmend zum Anbau von Energiepflanzen wie Mais und Raps genutzt. Schäfer stellen eine durch diesen Trend besonders gefährdete Berufsgruppe dar.

Gaskosten© Jaap2 / iStockphoto.com

Eisenberg (dapd-lth/red) - Schäfer Andreas Karwath ist verärgert. Immer wieder wendet der 50-Jährige den Blick von den 600 Tieren seiner Herde und zeigt mit seinem Hütestab in Richtung einer Biogasanlage. "Die machen alles kaputt. Die Gülle aus den Anlagen verbrennt die Felder, und die Maschinen machen Vögel, Schlangen und die Kröten kaputt", sagt er. Seit 20 Jahren ist der gelernte Tischler als Schäfer zwischen Schleiz, Jena und der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt unterwegs.

Grünland wird zunehmend wertvoller

Vor allem die 200 hauptberuflichen Schäfer in Thüringen gerieten zunehmend ins Hintertreffen gegenüber den Betreibern großer Biomasse-Anlagen, sagt der Zuchtleiter des Thüringer Schafverbands, Arno Rudolph. "Glück hat, wer sich mit langfristigen Pachtverträgen Weideland sichern konnte", sagt Rudolph. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energieträger sei der Wert von Grünland gestiegen. "Es gibt da eine eindeutige Interessenverschiebung zugunsten der Biomasse", sagt Rudolph. Die Betreiber der Anlagen erhielten üppige EU-Fördermittel. Im Kampf um die Flächen könnten die Schäfer da nicht mithalten.

Da trifft es die Schäfer umso härter, dass sie die Tiere angesichts der angestrebten Energiewende früher als üblich im teuren Ställen unterbringen müssen. "Vor ein paar Jahren haben die Bauern die Schäfer mit ihren Tieren die Reste auf den Feldern abgrasen lassen. So waren die Schafe manchmal bis zum Januar im Freien. Heute wird aber alles für die Biomasse benötigt", sagt Rudolph. Die Schäfer müssten die Tiere deshalb früher in den Stall treiben. "Und das ist sehr, sehr teuer".

Etliche Schäfer werfen das Handtuch

Hinzu kommen alltägliche Probleme der Schäfer, die in dem kaum dicke Gewinne abwerfenden Nischenmarkt besonders stark mit steigenden Preisen für Futtermittel und Diesel sowie hohen Steuern zu kämpfen haben. Zusammengenommen seien dies zu viele Probleme, so dass etliche Schäfer bereits das Handtuch geworfen hätten, sagt Rudolph. In der Folge gehe auch der Tierbestand in Thüringen seit Jahren zurück: "Im Jahr 2000 haben wir noch fast 180.000 Mutterschafe gezählt, heute sind es dagegen nur noch rund 130.000".

Der Schafzüchter hält den Abwärtstrend für unumkehrbar: "Die Entwicklung hält seit Jahren schon an und ist auch kein deutsches Phänomen. Überall in Europa geht es den Schäfern schlecht." Am Ende werde es wohl gar keine Schäfer im Haupterwerb mehr geben, sagt Rudolph. Die Zukunft des Schafes sieht er eher im privaten Bereich als "ökologischer Rasenmäher". Schäfer Karwath will jedoch nicht so schnell aufgeben. Für diesen Sommer plant er, erstmals mit seinen Schafen Thüringen in Richtung Norden zu verlassen. "Unser Ziel ist Sachsen-Anhalt. Dort weiß man uns Schäfer zu schätzen", sagt Karwath. Schließlich gebe es im Nachbarland noch ausreichend Weideflächen für Schafe.