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Für das Klimaziel

Hendricks auf Tour durch Kuhställe und Kläranlagen

Umweltministerin Barbara Hendricks ist auf der Suche nach Möglichkeiten, die Klimaziele für 2020 doch noch einzuhalten - diese zu erreichen wird immer unwahrscheinlicher. Hendricks fahndet nun auf einer Sommerreise nach CO2-Einsparpotenzialen, auch in ungeahnten Nischen.

CO2© designeo / Fotolia.com

Isselburg/Kleve (dpa/red) - Barbara Hendricks könnte jetzt die Kuh streicheln, den Kopf tätscheln. "Und dann soll ich noch ein Kind auf den Arm nehmen", wehrt sich die SPD-Politikerin gegen eine Inszenierung, wie sie Kabinettskollegen der Bundesumweltministerin bisweilen nicht so fern liegt. Hendricks hält Distanz zur Kuh in diesem laut NRW-Landwirtschaftskammer weltweit einmaligen Versuchsstall in Kleve. Sie ist hier auf der Suche nach der Lösung eines Problems.

Lösung für die 7-Prozent-Lücke gesucht

Während sich Hendricks in Berlin oft unerkannt bewegen kann, hat die 62-Jährige hier ein Heimspiel. In Kleve ist sie geboren, aufgewachsen, wohnt sie. Und ihre Doktorarbeit hat die Historikerin und Soziologin geschrieben über: "Die Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein". Auf einer Sommerreise fahndet sie nach Einsparmöglichkeiten, um das deutsche Klimaziel von 40 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) noch zu schaffen. Mit den bisherigen Maßnahmen werden es nur maximal 33 Prozent weniger, im November soll das Kabinett daher zusätzliche Anstrengungen beschließen.

Die Landwirtschaft macht acht Prozent der deutschen Emissionen aus, die Hälfte entfällt dabei auf die Düngung. 26 Prozent der Landwirtschafts-Ausstöße verursacht die Tierhaltung, vor allem durch Verdauungsprozesse bei Kühen. "Dieser Bereich ist nicht zu vernachlässigen", sagt Hendricks. Die Erkenntnisse hier im Stall seien als Technologietransfer auch wichtig für andere Länder.

Weniger Methan, mehr Dünger

In wochenlangen Versuchen wird in Kleve geschaut, ob Spaltenboden oder ein mit Planen befestigter Boden besser ist. Ob mais- oder grasbasiertes Futter hilfreicher ist für die Verdauung der Wiederkäuer. Bei Maisfutter stellen die wie Duschköpfe aussehenden Messstationen in den zu beiden Seiten offenen Ställen zwar zehn Prozent weniger Methangas fest. Aber für den Maisanbau muss auch mehr gedüngt werden, so dass an dieser Stelle wieder mehr emittiert wird.

Das Schließen der Klimaschutzlücke ist Sisyphosarbeit. Je 48 Kühe werden in drei Gruppen gehalten, jede Kuh hat eine Nummer, jede Milchleistung wird elektronisch erfasst. Schafft es eine Kuh, 10 000 Liter Milch im Jahr zu geben, fällt die Methan-Bilanz günstiger aus als bei zwei Kühen à 5000 Liter. Bei zu Hochleistungsmilchkühen getrimmten Tieren stellen sich aber auch Fragen des Tierwohls.

80 Prozent der Methan-Emissionen kommen aus den Tieren selbst, 20 Prozent aus der Haltung - so gibt es Emissionsspitzen, wenn Flüssigmist aufgerührt wird, weil dabei Gase entweichen, wie Professor Wolfgang Büscher von der Universität Bonn erläutert.

Düngeverordnung in Arbeit

Aber: "Die große Stellschraube ist das Verdauungssystem des Tieres. Wir müssen die Verluste im Pansen minimieren." Noch drei Jahre läuft das Projekt. Ist hier für den Klimaschutz nicht eher wenig zu holen? "Als Wissenschaftler muss ich natürlich sagen, das muss man differenziert betrachten", sagt Büscher. Er rät, vor allem beim Dünger anzusetzen. Das will auch Hendricks, mit dem Agrarministerium wird an einer Düngeverordnung gebastelt.

Kettenkarussell im Atomkraftwerk

Für die Ministerin geht es weiter ins Atomkraftwerk. Zumindest in das, was davon übrig geblieben ist. Der nie mit Brennstoff beladene schnelle Brüter in Kalkar ist heute ein Vergnügungspark, 1996 übernahm ihn ein Niederländer. Erst etwas widerwillig lässt sich Hendricks zu einer Fahrt im Kettenkarussell überreden, das sich im Kühlturm befindet. Langsam schraubt es sich nach oben, Hendricks liegt in der Kurve. Eine Ministerin im Höhenflug oder in den Seilen, ganz wie man will. Als es über den Rand des Turms hinausgeht, wird der Blick frei auf den Rhein, grüne Wiesen, hinten liegt Holland.

Rund 500.000 Besucher kommen pro Jahr. Geschäftsführer Han Groot Obbink wettert gegen die geplante Pkw-Maut für alle Straßen. Der Kreis Kleve hat 138 Kilometer Grenze mit Holland, da drohen Einbußen. Hendricks als Vertreterin des Wahlkreises pflichtet ihm bei und betont, im Koalitionsvertrag mit der Union sei eindeutig nur von einer Maut auf Autobahnen die Rede. Das verspricht noch Ärger.

In Kalkar ist der Rückbau gelungen - auch dieses Problem hat Hendricks noch an der Backe. Während die Ministerin oben schwebt, steht unten Klaus Hamann (77), der das Kraftwerk für RWE rückgebaut hat. Er hat hier quasi abgeschlossen, inzwischen hat er seinen Frieden gemacht und bietet Führungen an. Aber eines muss er Hendricks zum Atomausstieg dann doch noch mit auf den Weg geben. "Wir sind Vorreiter, aber das bringt nichts, wenn die Anderen nicht mitziehen", meint er. "Wir haben so gute Anlagen."

Optimierung von Kläranlagen

Die Bundesregierung sieht klimafreundlichere Kläranlagen als eine Möglichkeit, um das Klimaziel noch zu schaffen. "Die Lücke von sieben Prozent macht 85 Millionen Tonnen CO2 aus", sagte Hendricks am Donnerstag beim Besuch einer Kläranlage im nordrhein-westfälischen Isselburg. Diese verursacht dank einer 6,4 Millionen Euro teuren Erweiterungs- und Modernisierungsmaßnahme weniger Treibhausgase. Wenn man alle Kläranlagen so optimieren würde, wären das immerhin schon 600.000 Tonnen, die zusätzlich eingespart werden könnten, so Hendricks.

Mit neuer Belüftungstechnik und modernen Filteranlagen wurde der Verbrauch deutlich gesenkt. Lag dieser gemessen an den 14.000 an die Kläranlage angeschlossenen Bewohnern bei 56 Kilowattstunden pro Einwohner im Jahr, sind es nun 27 Kilowattstunden. Zudem wird die Stickstoffbelastung unter anderem durch eine Optimierung der Schlammbehandlung deutlich reduziert. Kläranlagen sind vielerorts die größten kommunalen Energieverbraucher.

Quelle: DPA