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Befürchtungen

Neues Energiegesetz könnte Biogas-Boom beenden

Anders als Wind- und Solarenergie ist Biogas grundlastfähig, produziert also kontinuierlich Strom. Trotzdem könnte der boomenden Branche ein abrupter Karriereknick beschieden sein, wenn ein neues Gesetz demnächst greift. Dabei geht es um einen Bonus für nachwachsende Rohstoffe im neuen EEG.

Gasflamme© ArtmannWitte / Fotolia.com

Saerbeck (dapd/red) - Wenn alle Menschen so denken würden wie die Bewohner des kleinen niedersächsischen Dorfes Lüsche, dann hätte Olaf von Lehmden ein Problem weniger. Seit vergangenem Jahr beziehen so gut wie alle Haushalte im Ort Strom und Wärme fast ausschließlich aus Biogasanlagen. Gebaut wurden sie von der Firma EnviTec, die ihre Anlagen im münsterländischen Saerbeck vertreibt und deren Vorstandsvorsitzender Lehmden ist. Die Branche erlebt derzeit einen wahren Boom, dem jedoch ein jähes Ende droht. Ausgerechnet ein Gesetz, das die Energiewende in Deutschland einleiten soll, trägt Schuld daran - aber auch aus dem Ruder gelaufene Förderungen.

Biogas hat im Vergleich zur Wind- und Solarenergie einen ganz entscheidenden Vorteil. "Biogas ist grundlastfähig", sagt EnviTec-Chef Lehmden. Anders als Windräder und Solarzellen produzieren seine Anlagen unabhängig von Tageszeit und Wetter kontinuierlich Strom - und das aus Mais und Gülle. Im Energiemix in Deutschland macht Biomasse, zu der Biogas gehört, bereits den größten Faktor bei den erneuerbaren Energieträgern aus. Für Bauern, die sich eine solche Anlage auf den Hof gestellt haben, ist Biogas dank Einspeisevergütungen von 10 bis 25 Cent pro erzeugter Kilowattstunde Strom außerdem ein lukratives zweites Standbein neben der Landwirtschaft.

Bundesweit gibt es 6.000 Biogasanlagen

Bundesweit gibt es derzeit 6.000 Biogasanlagen. Der Fachverband Biogas schätzt, dass bis zum Jahresende noch einmal 800 hinzukommen. Dann könnten fünf Millionen Haushalte mit Strom aus Biogasanlagen versorgt werden. Doch mit der von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) droht ein Ende des Biogas-Booms.

"Das EEG wird einen deutlichen Rückgang des Ausbaus von Biogas mit sich bringen", befürchtet Lehmden. Für ein Unternehmen wie EnviTec, das den Großteil seines Umsatzes in Höhe von 148 Millionen Euro mit dem Bau solcher Anlagen verdient, keine erstrebenswerte Zukunft. Neue Kleinanlagen mit 150 Kilowatt (KW) Leistung, die dank Subventionen für einen einzelnen Landwirt rentabel sind, könnten sich schon bald nicht mehr rechnen.

Auch beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) erwartet man einen Dämpfer für Biogasanlagen, sollte der Bonus für nachwachsende Rohstoffe im neuen EEG tatsächlich gesenkt werden. Der NABU-Vorsitzende in NRW, Josef Tumbrinck, hofft darauf. Die Schwierigkeit beim Umstieg auf erneuerbare Energieträger sei, dass man bei einer Energieform nicht über das Ziel hinaus schieße, sagt er. "Das ist mit der Maisförderung aber geschehen."

Pachtpreise binnen weniger Jahre verdoppelt

In landwirtschaftlich geprägten Regionen wie dem Münsterland und am Niederrhein erhöhte sich der Maisanbau nach Angaben des NABU in wenigen Jahren um 80 Prozent. Ein Großteil davon landet in den Biogasanlagen. Der höhere Bedarf an Anbauflächen habe die Pachtpreise in die Höhe getrieben. Mittlerweile würden bis zu 1.500 Euro für einen Hektar pro Jahr verlangt, sagt Tumbrinck. Damit hätten sich die Preise binnen weniger Jahre verdoppelt. Dieser Entwicklung will der EEG-Entwurf entgegenwirken, indem der Anteil von Mais in den Anlagen auf 60 Prozent begrenzt werden soll.

Einen Anstieg des Maisanbaus bestreitet EnviTec nicht. Allerdings würden nur fünf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland für Biogas genutzt. Den Vorwurf, dass Biogas allein für steigende Pachtpreise und die sogenannte Vermaisung der Landwirtschaft verantwortlich ist, hält die Firma für unbegründet.

Kritik an Klientelpolitik

Lehmden wundert viel mehr, dass nach dem EEG-Entwurf Großanlagen zwischen 500 KW und fünf Megawatt Leistung - entgegen dem eigentlichen Trend - stärker als bisher gefördert werden sollen. Für ihn bedeutet das neue EEG eine "Energiepolitik zugunsten der Großen". Das gelte vor allem für Offshore-Windparks, die wie große Biogasanlagen nur noch von Großinvestoren betrieben werden könnten. Der Vorwurf einer Klientelpolitik für die durch einen schnelleren Atomausstieg verprellten Stromkonzerne kommt auch aus dem NRW-Umweltministerium.

Minister Johannes Remmel (Grüne) wirft seinem Amtskollegen auf Bundesebene vor: "Minister Röttgen möchte offensichtlich auch im Bereich der Biogasanlagen die großen Strukturen fördern. Das nutzt den großen Konzernen, aber nicht dem einzelnen Landwirt." Remmel fordert, auch mittlere und kleinere Anlagen wie bisher zu fördern. Wichtig sei aber, eine nachhaltige Anbauweise in den Fördergrundsätzen zu berücksichtigen.

Das unterstützt auch EnviTec. Dennoch blickt Lehmden mit Sorge auf das neue EEG: "Das Leben wird für uns nicht einfacher."