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Erdgas

Ostsee-Pipeline wird in Betrieb genommen

Kommende Woche wird die Ostsee-Pipeline im Beisein verschiedener Staats- und Regierungschefs offiziell in Betrieb genommen. Mit dem Erdgas aus der Pipeline sollen über einen Zeitraum von mindestens 50 Jahren bis zu 26 Millionen Haushalte versorgt werden. Unklar bleibt jedoch, ab wann sich die Investitionen auszahlen werden.

Gas-Preisvergleich© by-studio / Fotolia.com

Schwerin (afp/red) - Über- und untereinander schlängeln sich dicke und dünne weiße Rohre über das zwölf Hektar große Gelände. Einige durchqueren unscheinbare Betriebsgebäude, andere enden senkrecht gen Himmel. Kämen die beiden Hauptstränge nicht vom Boden der Ostsee, wäre die Industrieanlage in Lubmin eine unter vielen ähnlichen in Deutschland. Die Nord-Stream-Pipeline jedoch befördert Erdgas direkt von Russland nach Westeuropa und ist damit eines der wichtigsten energiepolitischen Projekte Europas der vergangenen Jahrzehnte. Wenn der erste Strang am Dienstag offiziell in Betrieb genommen wird, reisen Staats- und Regierungschef zum Erdgas-Gipfel am flachen Greifswalder Bodden an.

Zu den 420 geladenen Gästen gehören Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der russische Präsident Dmitri Medwedew, der französische Premierminister François Fillon und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. Energiekonzerne ihrer Länder haben die 1224 Kilometer lange Ostsee-Pipeline finanziert. 30 Prozent der 7,4 Milliarden-Euro-Investition brachte die russische Gazprom als Hauptanteilseigner zusammen mit den deutschen Unternehmen Wintershall und E.on Ruhrgas sowie der Nederlandse Gasunie und der französischen GDF Suez auf. Den großen Rest stellten nach Angaben der Nord Stream AG 26 internationale Banken zur Verfügung.

Merkel wird beim Festakt ihrem Vorgänger die Hand schütteln können: Gerhard Schröder (SPD) fädelte als Bundeskanzler zusammen mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin den umstrittenen Bau der Ostsee-Pipeline ein. Polen fühlte sich über- und umgangen, die Ukraine und Weißrussland fürchteten, dass die durch ihr Gebiet führenden Leitungen für russisches Erdgas an Bedeutung verlieren. Schröder wurde kurz nach seinem Abgang von der politischen Bühne Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream.

26 Millionen Haushalte sollen versorgt werden

Seit 2010 wurden auf speziellen Verlege-Schiffen 200.000 jeweils zwölf Meter lange Rohre für den Doppelstrang zusammengeschweißt und zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin im Ostseewasser versenkt. Damit die Leitung am Meeresgrund liegen bleibt, wurden die Rohre in einer extra auf Rügen errichteten Fabrik mit Beton ummantelt. Mit rund 20 Kilometern pro Stunde wird das sibirische Gas nach Lubmin strömen. Dort werden, wenn im Herbst 2012 auch der zweite Strang betriebsbereit ist, bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr in die beiden Überlandleitungen OPAL in Richtung Tschechien und NEL nach Westeuropa eingespeist.

Laut Nord Stream reicht die Menge rechnerisch, um 26 Millionen Haushalte mit Erdgas zu versorgen. Mindestens 50 Jahre lang will das Konsortium Erdgas durch die Ostsee nach Europa leiten. Ab wann die Investition sich amortisieren soll, will ein Firmensprecher nicht sagen.

Dissens über die Wirtschaftlichkeit der Ostsee-Pipeline

Unter Experten ist umstritten, ob die Ostsee-Pipeline eher ein wirtschaftliches oder ein politisches Projekt ist. Für Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin überwiegt der politische Aspekt: Die Pipeline senke für Westeuropa die Lieferrisiken, wenn es in den Transitländern Probleme gebe, sagt er. Prognosen über einen steigenden Erdgasbedarf sieht er dagegen skeptisch. "Der Verbrauch stagniert inzwischen." Auch der deutsche Atomausstieg werde nicht zu einem höheren Erdgas-Verbrauch führen.

An der deutschen Abhängigkeit von Russland in Sachen Erdgas ändere auch Nord Stream nichts, sagt Rainer Wiek vom Energie Informationsdienst (EID). Der wichtigste Grund für ihren Bau aber sei, "dass Europa mehr Erdgas brauchen wird". Davon lägen nun einmal die meisten Vorräte "unter dem Permafrost in Nordrussland". Gazprom habe die Pipeline nicht ins Blaue hinein geplant, "sondern weil es eine Nachfrage dafür gibt". Deshalb laufen laut Wiek in Europa auch Planungen für mindestens vier weitere Erdgas-Fernleitungen.