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Befürchtungen

Spanien: Erdbeben wohl durch Erdgaslager verursacht

Die spanische Mittelmeerküste wird südlich des Ebro-Deltas von einer Serie von Erstößen erschüttert. Als Auslöser gilt die Anlage eines riesigen unterirdischen Erdgaslagers vor der Küste. Bisher entstanden keine Schäden, aber in der Bevölkerung macht sich Angst breit. Und nicht alle Fragen werden beantwortet.

Spanien© Tupungato / Fotolia.com

Madrid/Valencia (dpa/red) - So fühlt sich ein Erdbeben an: Mitten in der Nacht zittern plötzlich die Wände, die Fensterscheiben vibrieren, überall im Ort bellen die Hunde. "Wenn sich auf einmal die Möbel bewegen, bekommt man es mit der Angst zu tun", berichtet Sonia Balanzà der Nachrichtenagentur Efe in der ostspanischen Kleinstadt Sant Carles de la Ràpita.

Die Spanierin lebt inmitten einer Gegend, die seit Tagen von einer Serie von Erdstößen heimgesucht wird. Dabei hatte es in dem Gebiet an der Mittelmeerküste zwischen den Städten Amposta und Castellón seit Jahrzehnten keine nennenswerten Beben gegeben, nun wurden in gut zwei Wochen weit über 300 Erschütterungen registriert, zwei davon erreichten eine Stärke von 4,1 und 4,2.

Kaum Zweifel an der Ursache

Experten haben keinen Zweifel daran, dass die Beben durch ein unterirdisches Erdgaslager ausgelöst wurden, das gut 20 Kilometer vor der Küste angelegt wird. Die Erdstöße setzten ein, als die Betreiberfirma Escal UGS Anfang September damit begann, Erdgas in ein früheres Erdölreservoir zu pumpen, die jetzt als Gaslager dienen soll. "Früher hatte es hier nie gebebt, jetzt haben wir alle paar Minuten ein Erdbeben", beklagte sich der Bürgermeister des Touristenorts Peñíscola, Andrés Martínez. Die spanische Regierung ordnete an, das Einleiten von Erdgas vorerst zu stoppen.

Bei dem 1,2 Milliarden Euro teuren Projekt wird Erdgas von einer Plattform im Mittelmeer mit hohem Druck in die ehemalige Öllagerstätte gepumpt. Das Gas verdrängt das Wasser, das an den Ort des vor Jahrzehnten geförderten Erdöls nachgeflossen war. Das Gaslager, eines der größten des Landes, soll Spanien, das fast seinen gesamten Bedarf importieren muss, von den Schwankungen des Weltmarkts unabhängiger machen.

Seismologische Risiken nicht geprüft

Beim Einpumpen des Erdgases hielt das Gestein, das die Lagerstätte umschließt, anscheinend dem Druck nicht stand und brach weg oder verrutschte. Vor der Genehmigung des Projekts hatte man alle möglichen Risiken untersucht. In einem Gutachten wurde sogar festgestellt, dass das Rauschen in den Gasleitungen das Gehör von Schildkröten und Fischen nicht beeinträchtigen werde.

Nur eines hatte man, wie Umweltminister Miguel Arias Cañete nun einräumte, unterlassen: Die seismologischen Risiken des Vorhabens wurden nicht geprüft. Allerdings fällt dies nicht in die Verantwortung des konservativen Ministers. Das Vorhaben war 2009 genehmigt worden, als die Sozialisten an der Regierung waren.

Unter den Bewohnern des betroffenen Küstengebiets herrscht Angst. Niemand kann ihnen sagen, ob die Erdstöße bald abflauen oder ob gar ein noch größeres Ereignis droht. "Die Erdbebengefahr in der Gegend ist nicht zu unterschätzen", stellte das Geologie-Institut Kataloniens (IGC) fest. "Auch ein Beben, das stärker ist als die bisherigen, ist nicht auszuschließen." Die Wahrscheinlichkeit eines großen Erdbebens werde jedoch dadurch verringert, dass die Bodenverschiebungen sich vor der Küste unterhalb des Meeres ereigneten.

Nicht alle Fragen werden beantwortet

Nach Ansicht der Geologin Eulàlia Masana gibt es zwei Möglichkeiten: "Entweder die bisherigen Beben haben die Spannungen im Boden abgebaut, und die Lage beruhigt sich wieder. Oder die Erdbeben entwickeln einen Domino-Effekt." Bei einem Beben über der Stärke 6,0 wäre auch ein Tsunami nicht auszuschließen. "Das sind aber nur Hypothesen", betonte die Wissenschaftlerin in der Zeitung "El País".

Spaniens Industrieminister José Manuel Soria versprach: "Das Erdgaslager wird erst in Betrieb gehen, wenn die Sicherheit der Bevölkerung vollständig garantiert ist." Die Frage, ob in Erwägung gezogen werde, das Milliardenprojekt ganz einzustellen, beantwortete der Minister nicht. Er ließ auch unklar, wer in einem solchen Fall für die Kosten aufkäme. Die Betreiberfirma Escal UGS gehört zu einem großen Teil der Gruppe ACS, die auch Mehrheitsaktionär des deutschen Baukonzerns Hochtief ist.

Quelle: DPA