Startseite
Zahlenstreit

Unabhängigkeit: Schottland setzt auf Erdöl-Einnahmen

Kann sich Schottland mit den Gas- und Ölvorkommen in der Nordsee die Unabhängigkeit sichern? Die schottische Regierung will die Loslösung erreichen und rechnet mit rund 38 Milliarden Pfund Steuereinnahmen aus der Öl- und Gasbranche. Die Londoner gehen derweil von anderen Prognosen aus.

Großbritannien© Kristina Afanasyeva / Fotolia.com

London (AFP/red) - Wie viel Geld bringt die Besteuerung der Öl- und Gasproduktion aus Nordsee-Vorkommen in den nächsten Jahren? Diese Frage steht im Zentrum der Debatte um die schottische Unabhängigkeit. Die Regionalregierung, die beim Referendum am Donnerstag eine Loslösung von England erreichen will, setzt in Fragen von Wirtschaft und Finanzen voll auf die Rohstoffe unter dem Meer. London dagegen warnt, dass es mit den Fördermengen und somit den Steuereinnahmen deutlich bergab gehe.

Wie viel Geld bringen die Nordsee-Vorkommen?

Im optimistischsten von mehreren Szenarien rechnet die schottische Regierung mit Steuereinnahmen aus der Öl- und Gasbranche von 38,7 Milliarden Pfund (48,7 Milliarden Euro) in den nächsten fünf Jahren. Dagegen verbreitet die Regierung in London, die sich gegen die Unabhängigkeit Schottlands ausspricht, eine Schätzung von 17,6 Milliarden Pfund für denselben Zeitraum. "Ihre Prognosen sind zu optimistisch", wetterte der frühere britische Finanzminister Alistair Darling als Verfechter des Verbleibs bei London beim Fernsehduell mit dem schottischen Regierungschef Alex Salmond. Die Einnahmen aus den Ölreserven in der Nordsee seien "unvorhersehbar". Salmond erzähle bei diesem Thema "Unsinn", sagte Darling.

Fördermengen werden zurückgehen

Auch der Energieriese British Petrolium (BP) sprach sich für einen Verbleib Schottlands in Großbritannien aus. "BP glaubt, dass den künftigen Aussichten der Nordsee am besten gedient ist mit den Kapazitäten und der Integrität des Vereinigten Königreichs", sagte der Chef des Energieriesen, Bob Dudley. In einem Punkt sind sich die meisten Experten zumindest einig: Die Fördermengen werden spürbar sinken.

"Der Rückgang ist unausweichlich, denn die meisten der großen Ölfelder sind entdeckt und das leicht zu fördernde Öl wurde bereits gefördert", sagt John Howell, Geologieprofessor und Erdölexperte an der Universität im schottischen Aberdeen. Der Ölexperte der Beratungsfirma Deloitte, Graham Sadler, stimmt zu: "Es wird schwierig sein, den Rückgang aufzuhalten, denn es handelt sich hier um voll entwickelte Öl- und Gasvorkommen."

Produktionskosten sind gestiegen

Ihren Höhepunkt erreichte die in den frühen 70er-Jahren gestartete Ausbeutung der Rohstoffe 1999. Seither schrumpft die Fördermenge. In den vergangenen drei Jahren gingen die Fördermengen für Öl und Gas aus britischen Vorkommen unter der Nordsee um 38 Prozent zurück. Im vergangenen Jahr wurden pro Tag noch 1,43 Millionen Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) herausgeholt. Das war der niedrigste Wert seit 1977. Die Produktionskosten stiegen derweil allein im vergangenen Jahr um 15,5 Prozent.

Die Investitionen der Branche erreichten im vergangenen Jahr noch ein Rekordhoch von 14,4 Milliarden Pfund. Hohe Ölpreise und attraktive steuerliche Bedingungen könnten weitere Geldgeber anziehen; zudem könnten die Entdeckung neuer Vorkommen und eine effizientere Ausbeutung der bereits bekannten Öl- und Gasfelder, den Niedergang bremsen.

Keine langfristige Einnahmequelle

Doch langfristig, sagen Experten, gehe es auf jeden Fall bergab. Rohstoffkonzerne schauten sich bereits anderswo nach billigeren Fördermöglichkeiten um. "Es gibt keine Aussicht auf ein nennenswertes Produktionswachstum", sagt Deloitte-Experte Sadler. Die Beratungsfirma Capital Economics sieht Öl und Gas aus der Nordsee ebenfalls im Abwärtstrend. "Wenn man das große Ganze betrachtet, verliert die Nordsee an Bedeutung, da die Produktion in Nordamerika boomt". Hintergrund sei die vergleichsweise kostengünstige Ausbeutung von Schiefergas-Vorkommen mit der umstrittenen Fracking-Methode.

Somit kann sich die schottische Regierung, sollte sie die erhoffte Unabhängigkeit erreichen, zwar vorerst noch über erhebliche Steuereinnahmen aus dem Rohstoffgeschäft freuen. Langfristig aber wird sie sich wohl andere Einnahmequellen suchen müssen.

Quelle: AFP