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Gasversorgung

Russland will beim Geschäft mit Flüssiggas aufholen

Flüssiggas gewinnt bei Betrachtung des Weltmarktes immer mehr an Bedeutung. Künftig will auch Russland kräftig mitmischen. Experten zufolge ist es dafür aber fast zu spät: Mittlerweile herrsche schon fast ein Überangebot an LNG.

Tanklastwagen© Mixage / Fotolia.com

Sabetta - Frühling bedeutet auf der russischen Jamal-Halbinsel am Polarmeer, dass die Tage länger werden, auch wenn Eis und Schnee noch lange nicht schmelzen. Unter der verschneiten Tundra, etwa 2.500 Kilometer nordöstlich von Moskau, liegt ein Großteil von Russlands Erdgasreserven. Oben auf dem Permafrostboden am neuen Hafen Sabetta baut der Konzern Novatek die größte Anlage zur Erdgas-Verflüssigung des Landes. Russland hat als weltweit größter Gasexporteur bislang auf Pipelines gesetzt. Nun soll Jamal LNG den Rückstand beim Boom-Geschäft mit flüssigem Erdgas aufholen.

25,3 Milliarden Euro wurden investiert

Novatek-Vorstand Leonid Michelson will die Produktion noch dieses Jahr aufnehmen. Auch sein Partner Patrick Puoyanné, Chef des französischen Energiekonzerns Total, sagte bei einem Ortstermin in Sabetta: "Wir sind kurz davor, die erste Produktionsstraße in Betrieb zu nehmen." Weitere Partner bei der gigantischen Investition von 27 Milliarden US-Dollar (25,3 Milliarden Euro) sind aus China der Staatskonzern CNPC und der Investitionsfonds Silk Road.

Flüssiggas soll nach Asien und Europa geliefert werden

Gefeiert wurde ein Teilschritt: Erstmals hat sich testweise ein Gastanker den Weg durch das Eis nach Sabetta gebahnt. Knapp 300 Meter lang ist der blaue Koloss namens "Christophe de Margerie", das derzeit größte eisbrechende Schiff der Welt. Eine Ladung von 172.600 Kubikmetern Flüssigerdgas kann nach Novatek-Angaben ein Land wie Schweden über vier Wochen versorgen.

Wenn die Fabrik ihre volle Kapazität von 16,5 Millionen Tonnen im Jahr erreicht, sollen 15 Riesentanker Gas nach Europa oder Asien liefern. Im kurzen arktischen Sommer, wenn das Eis an Russlands Nordküste schmilzt, können sie die Nordostpassage nach Asien nehmen.

LNG lohnt sich bei langen Transportwegen

China und die energiehungrigen Tigerstaaten in Südostasien sind die größten Abnehmer für flüssiges Erdgas. Der Markt ist flexibler als beim Pipelinegas, das über gebaute Röhren gasförmig transportiert werden muss. Ab 2.000 Kilometer Transportweg rechnet sich der komplizierte Prozess, das Erdgas erst zu kühlen und zu verflüssigen, auf Tanker zu laden und es am Zielort wieder in Gas zu verwandeln.

Russland liefert bisher nur minimale Marktanteile

2016 wurde ein Zehntel des weltweiten Gasmarktes als LNG gehandelt, wie der Branchenorganisation International Gas Union errechnet hat. LNG steht für Liquified Natural Gas, also flüssiges Erdgas. Davon lieferte Russland nur magere 4,2 Prozent. Das Scheichtum Katar am Persischen Golf (29,9 Prozent), Australien (17,2 Prozent), Malaysia, Nigeria, Indonesien und Algerien haben größere Marktanteile.

Deutschland hat kein LNG-Terminal

Auch für Europa und Deutschland bedeute flüssiges Erdgas Vorteile, sagte Kirsten Westphal, Energieexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Es gibt mehr Lieferanten, mehr Flexibilität und damit ein Plus an Versorgungssicherheit." LNG-Importe seien neben Pipelinegas ein wichtiger Baustein für die Gasversorgung. Deutschland hat kein LNG-Terminal, dafür liegen Anlagen in Rotterdam, Zeebrügge und Dünkirchen in europäischer Nähe.

Russland will Nägel mit Köpfen machen

Es sei wichtig, dass Russland als bewährter Energiepartner Deutschlands stärker auf den Markt mit Flüssigerdgas gehe, sagt Westphal. "Die haben LNG wirklich verschlafen." Dafür sind die Pläne nun umso ehrgeiziger. "Mit Jamal LNG hoffen wir darauf, acht Prozent zu erreichen auf dem Weltmarkt", sagte Vize-Energieminister Alexej Geksler in Sabetta. "In den nächsten 20 Jahren wollen wir unsere Kapazitäten um das Sechs- bis Achtfache steigern." Denn ab 2035 werde LNG geschätzt die Hälfte des Weltgasmarktes ausmachen. Auch Russlands größter Ölkonzern Rosneft will ins Geschäft.

Warum ist Russland "eigentlich" zu spät dran?

Das Problem: Alle Lieferländer bauen die Produktion aus, die Käufer sparen Energie, es gibt ein Überangebot an Flüssigerdgas. "Russland ist einfach zu spät, weil es den Preisverfall zu spüren bekommt", sagt Westphal. Das weiß auch Präsident Wladimir Putin, der zum Feiertag in Sabetta per Video auf die Brücke des Tankers zugeschaltet wurde. "Auf dem Energiemarkt herrscht nicht gerade bestes Wetter", sagte er. Aber der Energiebedarf werde wieder steigen. Dann habe Russland alle Voraussetzungen, größter LNG-Produzent der Welt zu werden.

Trotz des hohen Aufwandes, der bei dem Bau weit nördlich des Polarkreises getrieben werden musste, hält Total-Chef Pouyanné Jamal LNG für eine kostengünstige Produktionsstätte. "Das ist weltweit die größte Anlage, die gerade gebaut wird. Sie ist sehr konkurrenzfähig", sagt er. Die Gasvorräte auf dem Juschno-Tambejskoje-Feld von Novatek seien so groß, dass die Investition sich lohne.

Schichtarbeit statt Rentierzucht

Das abgelegene Stück Tundra, in die sich früher nur Rentierzüchter und Jäger verirrten, hat sich in wenigen Jahren verändert. 30.000 Menschen schuften im Schichtsystem auf der Baustelle in Sabetta - vier Wochen Arbeit, dann vier Wochen Urlaub in der Heimat. Die LNG-Fabrik, mehrere Hektar groß, steht auf 20.000 Betonpfeilern im gefrorenen Grund. Sie wird über ein eigenes Kraftwerk versorgt. Nachschub kommt mit Schiff oder Flugzeug. Dafür hat Novatek den Hafen angelegt und einen internationalen Flughafen bauen lassen.

Quelle: DPA